Historisches



Die Geschichte des RC Magdeburg im SCM e.V.

Das wohl schönste Bootshaus der Stadt hat eine wechselvolle Geschichte zu erzählen. 1906 vom ältesten Ruderverein der Stadt, dem Magdeburger Ruderclub 1881 e.V. gebaut, stellte es bis zum 2.Weltkrieg die Heimstätte des renommiertesten Rudervereins der Elbestadt dar. Neben dem Bootshaus der Rvg. Alt-Werder überstand das Schweizer Haus die Kriegswirren als einziges ohne nennenswerte Schäden. Doch die russische Besatzungsmacht verbot kurz nach dem Krieg Sport als Form der militärischen Ertüchtigung und so kam der Ruderbetrieb zum Erliegen. Der Bootspark wurde zum Spielzeug der neuen Machthaber, so manches Boot soll über den Wasserfall getrieben sein.
Erst in der 2.Hälfte der 50er Jahre wurde durch politischen Beschluss das Rudern zum neuen Leben erweckt. Neuzugründende Sportclubs sollten der DDR zu sportlichem Ruhm verhelfen.1959 delegierte die damalige BSG Motor-Südost ihre erfolgreichsten Ruderer zum damaligen Sportclub Aufbau Magdeburg. In diesem Gründungsjahr gab es Karl Nagel, der auf seine Person die Funktionen des Trainers, Sektionsleiters, Omnibusbeschaffers, Finanzverwalters, Regattaobmannes und Präsidenten des Deutschen Rudersportverbandes vereinte und "ganz nebenbei", wie er zu sagen pflegte, bewältigte er die Belastungen eines Wirtschaftsverantwortlichen. Nach dem Ausscheiden Karl Nagels und Lothar Ewers, die beide die erste Generation von Rennruderern betreuten, übernahmen Gerhard Knauerhase, Hubert Kohn und Günter Schulze die schwere Aufgabe eines Neuaufbaus der Sektion Rudern, da viele verdienstvolle Sportler ausgeschieden waren und der Nachwuchs in dieser Zeit nicht im ausreichenden Maße zur Verfügung stand. Mit Horst Häckel, Harald Leifke und Jürgen Grobler wurde schrittweise der Kreis von hauptamtlichen Trainers erweitert. Der Sichtung von "großgewachsenen" Jungen wurde eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Insbesondere Hubert Kohn machte sich als erster "Sichtungstrainer" verdient. Indem er unterstützt durch ein Fahrzeug des damaligen Kraftfahrzeug- und Instandsetzungskombinates, welches durch Karl Nagel geleitet wurde, von Schule zu Schule fuhr und nach "langen Kerls" Ausschau hielt. Diese Maßnahme trug 1971 ihre ersten Früchte. Mit den Sportlern Friedrich-Wilhelm Ulrich und Manfred Käßner konnte unter Anleitung von Horst Häckel ein Zweier formiert werden, der bei den FISA-Meisterschaften der Junioren in Bled als Zweier mit Steuermann die Goldmedaille errudern konnte. Dies war der erste Titel bei internationalen Meisterschaften, der durch Magdeburger Ruderer errungen wurde. Ein Jahr später bei den XX. Olympischen Spielen in München konnte der internationale Durchbruch im Erwachsenenbereich geschafft werden. Unter der Anleitung des Cheftrainers Jürgen Grobler erruderte Wolfgang Güldenpfennig im Einer eine Bronzemedaille.

Der Name Jürgen Grobler ist fest Verbunden mit einer internationalen Entwicklung der Magdeburger Ruderei im Hochleistungssport der siebziger Jahre.. Die Ruderer Wolfgang Güldenpfennig, Friedrich-Wilhelm Ulrich, Harald Jährling, Martin Winter und Peter Kersten waren feste und stabile Größen der Rudernationalmannschaft und kamen von allen internationalen Meisterschaften, bei denen sie eingesetzt wurden, medaillengeschmückt nach Magdeburg zurück. Hier seien nur der Olympiasieg 1976 in Montreal im Zweier mit Steuermann durch Harald Jährling, Friedrich-Wilhelm Ulrich und Steuermann Georg Spohr und die erfolgreiche Titelverteidigung 1980 in Moskau erwähnt. Martin Winter nahm 1976 den ersten olympischen Anlauf und musste leider auf Grund einer Blinddarmoperation dem Sieg des Doppelvierers "nur" als Zuschauer bewohnen. 1980 wurde er dann doch noch Olympiasieger im Doppelvierer. 1984 durfte er die olympischen Wettkämpfe nur als Zuschauer erleben, da es ein Startverbot für DDR-Sportler gab, von dem auch Harald Jährling bei seinem dritten olympischen Anlauf betroffen war. Leider verstarb Martin Winter viel zu früh.
Auch im Nachwuchsbereich setzte eine dynamische sportliche Entwicklung nach dem ersten internationalen Erfolg ein. Die Trainer Hubert Kohn und Gerhard Knauerhase machten sich um diese anfänglichen internationalen Ergebnisse bei FISA-Meisterschaften der Magdeburger Junioren verdient. Der Staffelstab wurde von vielen erfolgreichen Juniorentrainern übernommen. Hier seien nur Fritz Bindseil, Roland Sommer, Ralf Kersten und Roland Oesemann genannt. Die Liste der sportlichen Ergebnisse bei FISA-Meisterschaften und seit 1985 bei Juniorenweltmeisterschaften ist derartig lang, dass mit Stolz darauf verwiesen werden kann, dass mit wenigen Ausnahmen alljährlich Magdeburger Junioren von diesen Wettkämpfen medaillengeschmückt an die Elbe zurückkehrten.
Die Ergebnisse des Erwachsenen- und Juniorenbereiches wären nicht möglich gewesen, wenn in den Altersklassen der 14 bis 16jährigen nicht ebenso erfolgreiche Wettkampfleistungen zu den Jahreshöhepunkten errungen wurden wären. Bei Jugendmeisterschaften waren alljährlich Magdeburger Ruderer und Ruderinnen unter den Medaillengewinnern zu finden. Die Betreuung der jüngsten Ruderer lag viele Jahre lang in den Händen von Trainern, wie Bernd Stumpe, Rüdiger Hauffe, Frank Schmidt und anderen.
Der Trainer Fritz Bindseil stürzte sich als erster in das weibliche Experiment und dies nicht erfolglos. Mit Kathrin Schröder schaffte die erste Magdeburger Ruderin den Sprung in die Juniorennationalmannschaft und wurde 1984 Juniorenweltmeisterin im Achter. Ihr sportlicher Weg führte bis zu einem 4. Platz bei den Olympischen Spielen In Seoul 1988. Mit Ralf Kersten nahm ein zweiter Kollege seine Tätigkeit im weiblichen Bereich auf. Auch die Ruderinnen des Sportclub Magdeburg kehrten medaillengeschmückt von internationalen Meisterschaften heim.

Anfang der siebziger Jahre wurde eine Reparaturwerkstatt zu Pflege und Instandsetzung des größer werdenden Bootsparks eingerichtet. Der aus Schönebeck stammende Ruderer Helmut Kuhn widmete sich dieser Aufgabe. Er lebte und arbeitete im Bootshaus und stand "rund um die Uhr" für die Sportler und Trainer zur Verfügung. Dabei kümmerte er sich nicht nur um den Bootspark, sondern hinterließ auch bei der Gestaltung des Bootshauses "seine Spuren".
Die dargestellten internationalen und nationalen Rudererfolge wären nicht möglich gewesen, wenn es nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer gegeben hätte. Der Kreis der ehrenamtlichen Sektionsleitungsmitglieder darf nicht unerwähnt bleiben. Der Anspruch auf Vollständigkeit kann an dieser Stelle kaum erhoben werden, aber einige Namen sollen stellvertretend erwähnt werden. Durch seinen Sohn Matthias zur Ruderei gekommen, übernahm 1972 Bruno Dimanski das Amt des Sektionsleiters und scharte mit Ingeburg Stein, Heinz Vetter, Kurt Hagedorn, Friedrich-Wilhelm Wagner und vielen anderen ein unermüdliches Gremium um sich. Trotz schwerer Krankheit hält Bruno Dimanski bis heute dem Verein die Treue, wenn auch "nur" als "normales" Mitglied .
Die sportliche Entwicklung des Ruderns beim Sportclub Magdeburg ist auch eng verbunden mit einer materiellen, finanziellen und personellen Unterstützung Magdeburger Betriebe. Das Kraftverkehrskombinat unterstützte mit Fahrzeugen zur Sichtung und zu Wettkampftransporten, aber auch mit finanzieller und personeller Zuwendung. Der unermüdliche Einsatz der Kraftfahrer Herbert Peters, Heinz Seegers und Fritz Göres hat viele Wettkämpfe und Trainingslager erst möglich gemacht. Herbert Peters, der leider viel zu früh verstarb, bleibt vielen Ruderern in Erinnerung. Unvergesslich sind die Fahrten auf auf den Ladeflächen der Lastkraftwagen von Herbert, Heinz und Fritze. Das Autobahnbaukombinat unterstützte durch finanzielle und materielle Dinge. Als Beispiel kann nur eingefügt werden, dass eine Ruderergometrie ohne die Messgeräte des Betriebes kaum denkbar gewesen wäre.
Die Sektion Rudern des Sportclub Magdeburg war von Ihrer Bildung an leistungssportlich orientiert. Auch der Aufbau des weiblichen Bereiches war dieser Aufgabenstellung geschuldet.
Der Vereinsgründung war gekennzeichnet durch "einen" Mann wie Karl Nagel, der neben seinem Beruf auch noch im Rudersport eine "Personalunion" darstellte. Die Entwicklung der Sektion Rudern führte fast zu "industriellen" Bedingungen. Die personellen Besetzung, die sich bis in die achtziger Jahre entwickelte, kann dies verdeutlichen. Im hauptamtlichen Bereich waren 15 Trainer, 2 Org.Mitarbeiter, 2 Bootsbauer, 2 Internatsangestellte, 2 Kraftfahrer und das Küchenpersonal tätig. Dazu muss der medizinische Betreuungsstab genannt werden, der aus 2 Ärzten, 1 Schwester und 3 Physiotherapeuten bestand. Die Aufrechnung macht deutlich, dass über 30 Personen beruflich an der Betreuung von ca. 100 Sportlern der Sektion Rudern beteiligt waren. Anders ausgedrückt, kamen "nur" 3 Sportler auf jeden Mitarbeiter. Nicht gerechnet der Kreis von ehrenamtlichen Helfern des Vereines.

Ab 1990 haben sich bei den Ruderern viele Veränderungen eingestellt. Der Name änderte sich in Ruderclub Magdeburg im Sportclub Magdeburg. Eine Verpflichtung zur leistungssportlichen Weiterführung mit nationalen und internationalen Erfolgen des Ruderns in Magdeburg kann nicht geleugnet werden, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Dem leistungssportlichen Rudern sind die Ruderkameraden Roland Sommer, Roland Oesemann, Andreas Kossmann und Bernd Stumpe haupt- und ehrenamtlich verpflichtet. Die Namen Roland Oesemann und André Willms sind sportlich eng miteinander verbunden. Durch die Trainerbetreuung Roland Oesemanns wurde André Willms 1990 Juniorenweltmeister im Einer, 1991 Vierter bei den Weltmeisterschaften im Doppelvierer, 1992 Olympiasieger im Doppelvierer, 1993 Weltmeister im Doppelvierer und 1994 Weltmeister im Einer. Auch in den neunziger Jahren konnte die internationale Wettkampfbilanz der Junioren und Juniorinnen erfolgreich fortgesetzt werden. Den Titel eines Juniorenweltmeisters konnten Bianka Borchert, Manuela Lutze und Marcel Hacker erringen. Setzt man die Namen Wolfgang Güldenpfennig, Martin Winter, Peter Kersten und André Willms chronologisch hintereinander, dann wird deutlich, dass es bei der Ruderern des Sportclub Magdeburg eine gute Skulltradition gibt. Mit jungen Sportlern wie René Bertram und Marc Busse soll diese Entwicklung auch weiter geführt werden. Eine weitere leistungssportliche Zukunft des Ruderclubs Magdeburg im Sportclub Magdeburg ist zwar nie "gesichert", aber mit den vielen Siegleistungen im Doppelvierer beim Bundesentscheid bzw. Bundeswettbewerb kann optimistisch in die Zukunft geblickt werden.
Neben dem Leistungssportbereich entwickelte sich besonders der Seniorenwettkampfsport, also das Altersklassenrudern von Sportlern über 27 Jahren. Einige ehemalige Leistungsruderer haben den Weg zurückgefunden in den Verein. Alljährlich nehmen sie an den Alterklassenweltmeisterschaften und vielen nationalen Wettkämpfen teil. 1993 und 1994 konnten Steffen Hickisch, Mirco Hillig, Alf Müller, Thomas Grunenberg und Reinhold Kotschote gemeinsam mit Rostocker Ruderkameraden bei den internationalen Masters im Achter erfolgreich sein.
Seiner sportlichen Tradition folgend war der Ruderclub Magdeburg im Sportclub Magdeburg auch bemüht, einen "zusätzlichen" Ruderwettkampf in die Landeshauptstadt zu bringen. Seit 1990 wird alljährlich der Städteachter zwischen Magdeburg und Halle im Leistungssport- und Altersklassenbereich ausgetragen. Die Hallenser waren im Leistungsachter in den ersten Jahren erfolgreich, aber seit einigen Jahren ist das Magdeburger Boot überlegen.
Die Arbeit mit den jüngsten Sportlern wurde auf eine andere Ebene gestellt. In Olvenstedt gibt es unter Anleitung von Herrn Schulze und Frau Sommer eine Kindergruppe und im Bootshaus bemüht sich der Sportlehrer Andreas Kosmann in einem Projekt "Sport gegen Gewalt" um die Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Das Rudern ist auch an zwei Gymnasien wieder "hoffähig" geworden. Die 11. Klassen des Hegel-Gymnasiums und des Kant-Gymnasiums erlernen im Kurssystem das Rudern und machen sich mit dieser Sportart vertraut. Ein neuer Schritt könnte die Einführung des Ruderns in den Klassenstufen 7 und 8 an den Gymnasien sein, um eventuell interessierte an das Wettkampfrudern noch heranzuführen. Auch heute könnte der Verein viele seiner Maßnahmen nicht realisieren, wenn nicht die Hilfe und Unterstützung von Freunden und Sponsoren wäre. Die ÖSA - Versicherungen unterstützen finanziell und materiell den Trainings- und Wettkampfbetrieb.
Das Jahr 1992 brachte den 51. Deutschen Rudertag nach Magdeburg. Diese sportpolitische Veranstaltung des Deutschen Ruderverbandes wurde am 15. Oktober 1992 erstmalig in den neuen Bundesländern durchgeführt. An der Vorbereitung und Durchführung waren auch viele Ruderkameraden und Ruderkameradinnen des Ruderclub Magdeburg erfolgreich beteiligt.
Das "gesellschaftliche Leben" beim Ruderclub Magdeburg im Sportclub Magdeburg ist inzwischen gekennzeichnet durch Veranstaltungen wie Bootstaufen, Siegesfeiern, Silvesterfeten und vielen anderen mehr.
Mit Günter Schulze, Jürgen Coldewey, Horst Herrmann, Günter Mahnkopf und Hubert Kohn haben einige Pioniere der ersten Stunde in den Verein zurückgefunden. Vielleicht gelingt es mit Unterstützung dieser Ruderkameraden, dass noch weitere "Ruderveteranen in den Verein zurückkehren.


© by Bernd Stumpe und Lutz Lingener 2007